Die ältesten bekannten Spiegel aus der Zeit um 2000 v. Chr. waren aus Metall. Handspiegel aus polierter Bronze wurden ab dem 6. Jh. v. Chr. von den Etruskern hergestellt. Die Spiegel der Römer waren entweder auf der Vorderseite mit Silber belegte Handspiegel mit einem Griff (Stiel) oder Wandspiegel aus Obsidian oder Silberplatten. Die in der römischen Kaiserzeit verwendeten kleinen Glasspiegel mit Zinnunterlage führte Plinius der Älteste auf die Phöniker zurück. Im Mittelalter kamen Spiegel erst vom 13. Jh. an wieder häufiger vor. Sie waren meist aus Metall, später auch aus Glas gefertigt und mit Quecksilber verspiegelt. Vom 16. Jh. an wurde Venedig zum Zentrum der Spiegelindustrie, die nach einem neuen Guss- und Walzverfahren ebene Spiegel herstellt.Die dadurch ermöglichte Fabrikation grossflächiger Spiegel wurde bei der Ausstattung fürstlicher Räume genutzt, die in den Spiegelkabinetten des Barocks (z.B. der Spiegelsaal des Schlosses von Versailles) und der Rokokozeit ihren Höhepunkt erreichte.

Vom Privileg der Reichen wurde der Spiegel im Lauf der Jahrhunderte zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand. Doch er war und ist weit mehr. In zahlreichen Mythen und Legenden kommt ihm eine Hauptrolle zu. Und er ist uraltes Hilfsmittel zur Selbsterkenntnis: Nur die Spiegelung ermöglicht es dem Menschen, sich selbst zu begegnen.Spiegel gehören zu jenen Gebrauchsgegenständen, die schon in den antiken Hochkulturen, im Zweistromland, im alten Ägypten, in Griechenland und Etrurien hergestellt wurden. Sie spielten in der Antike als Totenbeigabe wie als Hilfe der Lebenden eine beträchtliche Rolle. Proportionen und Erscheinungen zu zerlegen und zu vervielfachen, hatte man ebenfalls schon in der Antike in Spiegelkabinetten und -theatern vielfältig erprobt. In diesen Kabinetten berühren und vermischen sich Realität und Illusion. Mit ein paar spiegelnden Flächen ist man in der Lage, irdische Paradiese, märchenhafte Schätze oder unermessliche Städte vorzutäuschen.

Im Mittelalter waren kleine Taschen- und Gürtelspiegel, Tisch- und Handspiegel aus Stahl, Gold, Silber, Zinn, Bergkristall, zuletzt auch Kristallglas sehr geschätzt. Die Spiegelglasmanufakturen von Venedig verfügten bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts als einzige über die Kenntnis, zylindrisch geblasenes Spiegelglas herzustellen. Als der grosse, jahrtausendelange Entwicklungsprozess der Spiegelfertigung im späten 17. Jahrhundert mit der Technik des Giessens grosser Glasflächen einen ersten Höhepunkt erreichte, konnten alte Wunschträume, die schon von den Renaissancefürsten geträumt worden waren, in den Schlössern des Barock wahr werden. Der Spiegel war nicht mehr nur Toiletten- und Schmuckgegenstand, sondern wurde zum Gegenstand der Inneneinrichtung. Die Spiegelung von jeglichem in jeglichem, die Illusion, die Vorspiegelung, wurde zum Grundmotiv des Barock. Ungeheure Geldsummen wurden für diese Leidenschaft verwendet und verschwendet. Die Gründung von Spiegelfabriken zählte zu den wichtigsten Projekten der merkantilistischen Wirtschaftspolitik. Jeder Besucher barocker Fürstenschlösser kennt die grossartigen, heute freilich in ihrem Glanz verblassten und erblindeten Spiegelkabinette, Boudoirs und Galerien, in denen man feenhafte, traumartige übersteigerungen der Raumkunst hervorzuzaubern gewusst hat. Die neuen Flachspiegel vervielfachten das Kerzenlicht und die Zahl der Höflinge gleichsam ins Unendliche. Welch ein Unterschied zu den "Ochsenaugen" des Mittelalters und den zaghaften, kleinen Wandspiegeln der venezianischen Renaissance! Die aufwendigen Spiegelgalerien vermitteln demonstrative Verschwendung und strenge Affektkontrolle in einem: Einerseits stehen sie für Reichtum, Weite der Räume und Lichterglanz, andererseits für totale Selbstbespiegelung und Überwachung.Die Spiegelsäle des Barock wurden in den grossen, oft vollständig mit Spiegeln ausgekleideten Repräsentationsräumen der Kaffeehäuser und Restaurants, Casinos und Warenhäuser, der Theater- und Kinofoyers, der Bordelle und Nachtclubs, der Friseur- und Autosalons nachgeahmt. Vom barocken Humor der bizarren Verzerrungen zehren die Irrgärten und Spiegelkabinette der Rummelplätze bis auf den heutigen Tag. Das 18. Jahrhundert war fasziniert von allen Arten der Täuschung. Die Architekten bezogen die unerwarteten Kombinationen, die mit Spiegeln möglich wurden, in ihre Raumgestaltung ein. In jedem Repräsentationsraum der reichen Bürgerschaft fanden sich im 19. Jahrhundert Prunkspiegel in reichdekorierten, vergoldeten Rahmen. Einfachere Spiegel waren nun auch schon in den weniger begüterten Handwerkerhaushalten, selbst bei Taglöhnern und in Mietwohnungen anzutreffen. Die Betrachtung des Spiegelbildes hörte auf, ein Privileg der Reichen zu sein. In den Dörfern war es häufig der Friseur, der einen grossen Spiegel besass, in dem man sich von Kopf bis Fuß betrachten konnte.

Der Spiegel wanderte von den öffentlichen Sälen in die Interieurs der Wohnungen, zuerst in die Wohnzimmer, von dort in die Schlafzimmer und Boudoirs, in die Vorzimmer und Garderoben. Mit den neuen Formen der grossen, am Boden aufsetzenden Standspiegel wurde im 18. Jahrhundert die Betrachtung der menschlichen Gestalt als Ganzes möglich: In Frankreich nannte man diese neumodischen Kopf-bis-Fuss-Spiegel "La Psyché", was im Wienerischen als "Psych" erhalten geblieben ist. Der Spiegel, der dem Menschen sein eigenes Bild enthüllt, wurde zum "wahrsagerischen Glas und gläsernen Richter" - man denke nur an das Märchen vom Schneewittchen. Der Spiegel hat dem Menschen sein eigenes Bild enthüllt. Erkenne dich selbst! Schon Sokrates, Seneca und Mark Aurel empfahlen, allmorgendlich in den Spiegel zu schauen, nicht aus Eitelkeit, sondern zur Selbsterkenntnis. Demosthenes soll seine grossen Reden vor dem Spiegel eingeübt haben. Der Spiegel wurde zum mächtigen Lehrer. Er zeigt das eigene Gesicht und die eigene Gestalt in jener charakteristischen Hauptansicht, die sich sonst nur einem anderen, niemals dem eigenen Auge darbietet. Nur die Spiegelung bietet diese Möglichkeit der Selbstbegegnung. Es ist kein Zufall, dass uns der Mythos des Spiegels im Venedig des 18. Jahrhunderts in voller Tiefe entgegentritt. Die alte Stadt der Spiegel, der Kanäle und der Spiegelungen, wo das ganze Leben etwas eigentümlich Scheinhaftes an sich hat, war zum glänzenden Treffpunkt der grossen Welt und ihrer Eitelkeiten geworden. In der Gestalt des fahrenden "Venedigers" und des Spiegelzauberers blieben Venedig und der Spiegel in Deutschland noch lange ein Motiv der romantischen Volksphantasie. Der Volksglaube von der Kraft der Spiegel, die Legenden von den antiken Zauberspiegeln und die Spiegeltricks der Magie wirkten zusammen, um den Zauber des Spiegels lebendig zu erhalten.Dem Spiegel haften alle Geheimnisse dieser Welt an. Der Glaube wie der Aberglaube hatten vieles mit dem Spiegel im Sinn: Den zerbrochenen Spiegel, dessen Stücke immer wieder das gesamte Abbild zeigen, hat Nikolaus von Cues gleichsam zum Schlüssel der Welterkenntnis gemacht. Von Thomas von Aquin bis Martin Luther wurden die Fragmente eines Spiegels, die jeweils einzeln die Ganzheit der sichtbaren Dinge wiederherstellen, als Gleichnis für die Hostien, die den Leib Christi bis ins Unendliche vervielfachen, verwendet.Spiegel werden blind oder zerbrechen. Gilt der trübe Spiegel als Ausdruck mangelnder moralischer Integrität, so der zerbrochene als böses Omen und als Todesankündigung. Zerbricht ein Spiegel, so muss der, der zuletzt in diesen geschaut hat, sterben. Wenn der Spiegel zerbricht, hat man sieben Jahre Not. Bei einem Todesfall musste der Spiegel im Sterbezimmer verhängt werden, damit die Seele frei entweichen konnte und nicht ans Haus gebannt wurde. Der Spiegel ist das Attribut der Klugheit, und er verkörpert die Weisheit. Aber er verbreitete sich vor allem im Zeichen der Eitelkeit, und zwar in dem Mass, wie sich die Sitten verfeinerten. Das Mittelalter kritisierte die Spiegel als Gegenstände der Eitelkeit und Prunksucht, als Attribute weiblichen Hochmuts, als Zeichen der Vergänglichkeit der Welt und ihres Glücks. (Quelle: Vivien Frei-Herrmann)